Montag, August 28, 2017

Spämi müsste man sein! (oder?)

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Hallo zusammen,
heute geht es mir um eine Aussage, deren Inhalt mir schon manchmal durch den Kopf geschossen ist: “Spämi müsste man sein, dann hätte man auch keine Belegprobleme!” - Aber ist es wirklich so? Ist die Beleglage so desaströs? Sicher, es werden in den letzten Jahren so viele “neue” Sachen publiziert, das der Eindruck entstehen kann, dass das FMA bisher “brach lag”! Aber ist dem so?

Ich würde das gerne anhand eines abstrakteren Beispiels aufrollen: Ich begann mit dem Versuch meinen modernen Kitguide für Übernachtungen draußen (=Lager) auf das FMA zu übertragen. Den Anfang machte die Kleidung. Und dann ging es leichter als gedacht.

- Unterwäsche: Wird schwer anhand von Funden
- Oberbekleidung Hose: Thorsberg und Skjoldeham
- Oberbekleidung Hemd: Skjoldeham und Boksten (zeitlich abgegrenzt)
- Oberbekleidung Mantel: Mammengrab
- Schuhe: Ladogasee, Hedeby, York
- Socken (afakik Hedeby, bin ich aber nicht sicher)
- Gugel: Skjoldeham
- Gürtel: Birkafunde
- Taschen: Birka, Orkney, Elisenhof
- Messer: Birka
- Keramik: Birka
- Waffen: Birka
- Schild: Oseberg, Gokstadt
- Helm: Gotlandstein, Ostrow Lednicki

Bei der Gestaltung der Kleidung, der Farben und der Trageweise der Ausrüstung muss man nach wie vor ein wenig vorsichtig sein, Aussagen sind vage im Stil von “Sie trugen seltsame Gewänder und irrten planlos umher!”, doch kann man durch Bildsteine (Gotlandsteine z.b.), Stickereien, Stückfunde und Textquellen (Sagas) durchaus einen roten Faden erkennen und ein ganzheitliches Bild bieten.

Aber hat man wirklich “Probleme” eine belegbasierte Ausstattung zu bauen? Sicher, auf einen Status Quo wie im SMA (”Ich mache Nürnberg, ca 1487-1490”), wo man Region auf eine Stadt und Zeit auf ein Jahrzehnt eingrenzen kann, wir man im FMA nur kommen, wenn man sich ein explizites Grab (Stichwort “BirkaBlingBling”) konzentriert, das alles enthält, aber selbst bei Krefeld Gellep, Sutton Ho und Välsgarde wird es trotz, reichhaltigen Funden, knapp.

Aber eine komplette Ausstattung ist möglich, ohne übermässigen Aufwand, bei der für jedes benötigte Ausrüstungsstück ein Fund für Region und Zeitraum ein Beleg findbar ist, entweder als Fund, oder Bildbeleg. Es muss nichts improvisiert werden.
Woher also die Aussage “Dör Wikingör hats schwör” aka “Die Funflage ist halt dürftig!”? Wie oben geschrieben, aktuell werden an allen Ecken Funde und Erkenntnisse publiziert. Vieles was aber im FMA (oder in der Wikingerszene kursiert) ist Mund-zu-Ohr-Wissen, quasie Skaldendichtung anno 2017! Daraus ergibt sich das Problem, das nicht das aktuellste Wissen dominiert, sondern das, das länger im Umlauf ist, weil man sich lieber am Lagerfeuer informiert.

Hat Halfdan der Wackere vor 10 Julfesten Oglaf dem Abgebrannten vor 10 Jahren nachgewiesen, ein Schweinedieb zu sein, macht das die Runde seit 10 Jahren - landauf-landab. Hat Oglaf im letzten Sommer nachgewiesen, dass er sich nur 10 der 100 von Halfdan gestohlenen Schweine zurückgeholt hat, ist er in seinem Gau rehabillitiert - in Ribe, Birka und dem Danelag wird man doch eher 5x die Geschichte von Oglaf dem Schweinedieb hören, ehe man 1x die Geschichte von Halfdan, dem Verleugner hört!

Ein Klassiker ist die Gürteltasche: Als ich anfing war die Gürteltasche für Wikis ein No Go. Die klassische, Halbrunde Tasche mit zwei Gürtelschlaufen und Knebel ein Notbehelf - heute wissen wir, dass sie der Orkney Tasche nahezu aus dem Gesicht geschnitten ist! Dann kamen die ersten Publikationen zu Gürteltaschen (soweit ich mich erinnere in “Beutel und Taschen” von Inga Hägg). Seither werden immer weitere Funde publiziert, aber die Skaldendichtung gibt beharrlich die birnenförmige Birkatasche weiter.
Obwohl alleine aus Birka mehrere verschiedenen Funde existierten, wird die Birkatasche im Rahmen des Individualismus weiter evolutioniert. Neue Verschlüsse, Hardcorevarianten aus Rüstungsleder, archaische Knochenverschlüsse, etc…

Und hinterher kommt dann das resignierte “Naja, die Fundlage ist ja nicht so toll…”.
Wikingerdarstellung (und die Beleglage) ist nur dann schwer, wenn man es sich schwer macht!

Willkommen

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Das Leben der Wikinger, aufgerollt aus der Sicht eines nörgelnden Waldläufers und Pragmatikers!

Wenn ihr mehr über den Autor wissen möchtet, klickt einfach hier für weitere Infos!

Ansonsten wünsche ich viel Spaß auf der Seite!

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