Mittwoch, November 16, 2016

Selbstläufer - Wenn der Notbehelf zur Lösung wird

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Kennt Ihr das, wenn aus einem schnellen Bedarf heraus eine Notlösung geboren wird, und die mangels Alternative (oder Motivation eine Alternative zu suchen) zum Standard wird? Wenn die Improvisation zu Innovation wird und dann zum Status Quo? Prominentes Beispiel aus dem 21. Jahrhundert: Weil die Standard D3A Handschuhe nicht wirklich “state-of-the-art” waren, haben Soldaten der US Armee immer öfters auf Baumarkthandschuhe der Firma “Mechanix” zurückgegriffen. Irgendwann hat Mechanix reagiert und die Handschuhe auch in khaki, oliv und tarnfarben angeboten. Heute sind diese “Baumarkthandschuhe” der Status Quo der taktischen Handschuhe. Ein klassischer Selbstläufer…

Wir haben das, leider, auch in der Mittelalter Szene. Prominentes Beispiel - Die Visby Laterne! Irgendwann stellte sich die Frage, was tun wenn es Nachts so finster ist. Die Bambus Petroleumfackeln stinken und sind brandgefährdet (und so authentisch wie eine Stirnlampe), Stalllaternen sind auch doof und überhaupt. Irgendwer brachte dann mal die Visby Laterne auf. Ein Holzring, eine Holzscheibe, ein paar Rundhölzer und etwas Rohhaut - Fertig.

Die Visbylaterne war für viele Zeiten auch nicht “A”, aber immerhin “GnI” (geschichtsnah interpretiert). Den Fun Fact, dass wer sich Kerzen leisten konnte, nicht Nachts im Freien herumstolpern musste, lassen wir mal außen vor! Auf Lagern mit Kienspahn in der Hand rumlaufen erzeugt extern notwendigen Zwang, mit anderen Worten: Die Feuerwehr wird einem erklären, dass man nicht mehr alle Steine auf der Schleuder hat!
Jetzt ist es aber nicht bei der GnI Version der Lampe, dem Kompromiss aus Authentizität und Lichtbedarf geblieben. Mittlerweile gibt es die Luxuslaterne2000 mit Lichtdifusor, Hebebühne, kugelgelagerter Kerzenrückholfeder und Faxmodem! Aus dem Notbehelf wurde ein Selbstläufer mit eigenen Innovationslabor. Man hat alles, was man Nachts braucht. Das Problem daran: Hat man alles, was man braucht - sucht man nicht mehr nach Alternativen! Schade, denn mit Talglampen oder den hängenden Öllampen aus Glas gäbe es sehr schöne Lichtquellen für die Wikingerzeit. Stattdessen denkt sich der Besucher Abends beim Besuch gewahr der “Featurelosigkeit” seiner IKEA Gartenlaterne “Ach so war das, die waren ja ganz schön ihrer Zeit voraus damals”. *BOING*

Auch in anderen Bereichen kursiert die Innovationslust, sein es Rüstung, die mit effektiven, aber leider völlig unbelegten Lederkreationen auf “hardcoremodus” getrimmt wird (anstelle einfach moderne Schutzkleidung “darunter” zu tragen), Werkzeuge (Wehrmachtsessen als Feldschmiede) oder Mastermyr Kisten, die um weitere Features zur Bank mit Lehne bis hin zum Campingbett erweitert werden.

Letztes Beispiel: Gürteltaschen: Die Mär von der Absenz von Gürteltaschen ist schon lange durch Funde widerlegt. Bjorn Amnbrosiani sprach mal von über 70(Zahl aus dem Gedächtnis) Einzelfunden alleine in Birka, die aber noch nicht alle dokumentiert sind. Aber auch Orkney, Elisenhof und Hedeby bringen eine Vielzahl an Modellen. Das war nicht immer so, daher hatten sich viele auf einfachste Formen beschränkt, um die notwendigen Sachen immer dabei zu haben. Da dies auf Dauer langweilig wurde, wurden die Taschen dekoriert. Mit Brandkerbung, Schnittmustern, etc. Alles schön anzuschauen, aber halt nicht belegt. Crux an der Sache, es gibt mittlerweile bessere Alternativen, aber die “alten” Taschen haben sich einen so sicheren Stand erkämpft, dass sie einfach nicht mehr verschwinden wollen.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Motivation für quellen-nahe Lösungen. Anstelle sich die Nightkiller2000 Visbylaterne zu bauen, zu überlegen wie man sich organisiert, dass man Nachts nur ein Minimum an Wegen hat, und zum Dixie halt dann die Laterne “Bauernedition” hernimmt. Seine Kampfweise den Quellen anpasst (und wichtige Elemente unsichtbar schützt), anstelle die Kleidung der Kampfweise (oder der seiner Mitspieler) anzupassen. Sich zu überlegen, wie man damals geschlafen hat, anstelle sich seine Campingausrüstung in ambientig nachzubauen.

Unbesehen, nicht jeder hat den Platz, für Osebergbett und Zubehör. Und jeder hat liebgewonnene Sachen, die er eigentlich nicht gerne austauschen würde. Aber ehe man mit einer ambientigen (und sicher handwerklich aufwendigen und somit als Leistung respektablen) Innovation aufschlägt und diese auch dem Besucher präsentiert, wäre die kompaktere, 100% moderne Lösung, die im Zelt (Feldbett), unter Decken (Isomatte) oder unter der Tunika (Ellbogenschoner) bleibt, nicht besser UND bequemer? Und müssen wir Notlösungen weiter entwickeln, anstelle auf echte Lösung auszugehen?

Wie schon oft gesagt, nur meine Meinung, kein Anspruch auf alleinige Wahrheit!

Willkommen

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Das Leben der Wikinger, aufgerollt aus der Sicht eines nörgelnden Waldläufers und Pragmatikers!

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Ansonsten wünsche ich viel Spaß auf der Seite!

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