Montag, Oktober 3, 2016

Medieval Survival - moderne Lösungen für moderne Probleme

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Hallo zusammen, der heutige Artikel geht weniger um um das Hobby an sich, als um den Hintergrund, wenn in der “modernen Welt” etwas schief geht, während man die “alte Welt” abbildet. Ich empfehle einen kleinen Rucksack oder eine Tasche, mit dem Essentiellen, man könnte es auch einen “Medieval Event Survival Kit” nennen.
Wie einige eventuell wissen, ich verdiene mein tägliches Brot mit der Entwicklung und Betreuung von Outdoor- und Militärprodukten, mit einem nicht geringen Fokus auf Survival. Davon losgelöst habe ich auch schon den einen oder anderen Basiskurs zum Thema gehalten. Diese Erfahrung lies sich, immer wieder, auch im Mittelalterhobby einsetzen. Die Ausrüstung / Inhalte basieren auf realer Erfahrung - und dem aktuellen Forschungsstand. Es soll aber nicht um Weltuntergangsszenarios oder Zombie-Apokalypse auf dem Mittelalterevent gehen, sonder darum aus “Boah, hatt das jetzt sein müssen?!” Situationen eher “Pf, was solls!” Momente zu machen.
“Survivalkit? Aber wozu, ich mach doch nur…” ist ein Satz, den ich immer wieder hören muss. Ja, das “Ausgesetzt in der Wildnis” Szenario ist unwahrscheinlich wie nur was, keine Frage. Aber Regenschauer, fehlgeleiteter Axthieb und undichtes Zelt sind Dinge, die jeder schon miterlebt hat. Und darum soll es gehen, nicht um die Apokalypse, aber den “kleinen Worst Case mit Herz und Musik”.

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Ich habe, auf jedem Event, einen modernen Rucksack mit, gepackt für alle kleinen Unwägbarkeiten. Wie oben gesagt nicht für Katastrophen, sondern für all die Sachen, die zwar zu klein für Abbruch des Events, Heimfahrt und/oder Rettungsdienst sind, aber trotzdem die Laune vermiesen. Der Rucksack deckt 3 Bereich ab:
- Erste Hilfe: Alles, womit man die Rettungssanitäter (oder Rettungsnotruf) nicht behelligt
- Werkzeug: Für alles, was sich um Reparatur, Wetter oder bauen dreht
- Bequemlichkeit: Alles, was dem WE den Komfort vermiesen könnte

Bei der Ersten Hilfe muss ich sagen, ich mag es nicht, bei jedem Kleinkram zum Rettungsdienst zu rennen. Die Leute sind nicht da, um meinen Kids Pflaster auf die Knie zu kleben! Ein Erste Hilfe Set sollte dabei sein und dabei folgendes abdecken:

Wundversorgung: Der Klassiker, das normale Wundpflaster als Meterware, kann um Blasenpflaster (wenn man gerade DIE neuen Schuhe einträgt), ein Wunddesinfektionsspray und Pflasterstrips erweitert werden. Bepanthen oder andere zinkhaltige Fettcremes helfen bei Wölfen und anderen wunden Stellen.
Dehydration: Im Sommer neigt man gern dazu zu wenig oder nur Leitungswasser (“Gänsewein”) zu trinken, damit spült man sich leer - das Resulat sind Kopfschmerz, Übelkeit und im schlimmsten Krämpfe und Hitzschlag. Elotrans ist eine Elektrolytlösung, die zu diesem Zweck von Extremsportlern aber auch bei Bundeswehr Verwendung findet. Vorbeugend kann 1 Beutel auf 1-2 Liter aufgelöst werden, der fade Geschmack kann mit Zitronensaft verbessert werden. Bei Erbrechen (oder Kater) kann Elotrans auch wie verordnet mit 250ml Wasser eingenommen werden.
Insekten: Fenistil Gel gegen Insektenstiche kühlt, wenn es zu spät ist. AntiBrumm sorgt dafür dass es nicht soweit kommt. Eine lohnende Anschaffung ist ein Hitzestift, da Insektengifte meist Eiweisbasiert sind und so bei Hitze zerfallen. Pinzette / Zeckenkarte (bitte keine Zeckenzange), Lupe und ein paar Alkopads und man ist versorgt.
HNO: Desinfektionsmittel zum Spülen des Mundraums wirkt Wunder, hat man sich auf die Lippe gebissen, eine Aphte oder leichte Halsschmerzen. Kamistad Gel lindert hier auch den Schmerz, ebenso wie Kamillentee. Dolo Dobendan lindert den Halsschmerz und ermöglicht eine Nacht Schlaf, Isla Cassis dämmt den Hustenreiz, wenn das “bellen” doch auf Lager los geht. Ist man Allergiker oder brütet auf Lager einen Katarrh aus, kann eine Nasenspülung mit Salzlösung (Kochsalz reicht!) den Unterschied zwischen “geht schon” und “ich fahr heim” ausmachen! Ohrenstöpsel, nicht wirklich erste Hilfe, aber sehr beruhigend, wenn man trotz Partystimmung durchschlafen kann!
Medikamente: Hier solltet ihr mit eurem Hausarzt Rücksprache halten. Schmerzmittel, etwas gegen Durchfall und Übelkeit sollte drin sein. Denkt immer daran, nicht blind anderen Medikamente zu geben!
Verbrennungen: Brandwundenverband wie Waterjel und Brandwundenauflage. Hierbei IMMER Fachpersonal zur Rate ziehen!
Blutung/Notfall: Der Reiter ist optional / umstritten, meiner Ansicht nach sollte mindestens ein Verbandspäckchen für einen Druckverband, im Idealfall ein so genannter “Bleeder Kit”, dabei sein. Rettungsdecke oder Rettungssack ist auch universell nutzbar. Ein Beatmungstuch kostet ebenfalls nur Centbeträge, und auf größeren Events kann schon mal mehr Zeit vergehen, wenn das Rettungspersonal Turnierplätze und Bogenbahnen umgehen muss!

Werkzeug ist alles, was nicht in die Darstellung gehört und einspringt, wenn etwas ausfällt was mit Ausrüstung aus der Darstellung nicht mehr substituierbar ist. die Komponennten sind hier auch wieder vielfältig.
Ein Reparaturset mit gewachsten Garn (Bankline), Stahlnadeln und weiches Wachs zum abdichten von Reparaturen hilft trocken zu schlafen, Heißklebestifte, Panzerklebeband, Gärtnerdraht und Nylonschnur hilft auf die schnelle Dinge zu reparieren, wenn Performance vor Darstellung kommt. Ballistol ist unendlich nutzbar.
Bei Mistwetter hat sich ein Poncho aus leichtem Nylon bewährt, kann auch über die Bettstatt, wenn das Zelt doch mal tropft, oder kann das Auto vor dem versifften Zelt schützen. Dazu 1-2 starke Müllsäcke, für Dinge die nicht so eingepackt werden können wie sie ursprünglich eingepackt wurden.
Taschenmesser, kleiner Seitenschneider und kleine Kombizange helfen bei Reparaturen. Eine moderne Lichtquelle, idealerweise eine Kopflampe, sorgt für Licht, wenn es Dunkel wird.

Bequemlichkeit ist mein pers. kleinster Posten und am wenigsten wichtig, aber dennoch “nice to have”. Es sind die kleinen Dinge, die, wenn etwas schief geht, einfach die Stimmung heben.
Etwas süsses für Zwischendurch, Nachts oder bei Mistwetter. Einfach was, was nach “Lieblingssnack” aussieht
Ablenkung - sei es wenn die Nachbarn wieder den Sack dudeln, das Tagesprogramm umgeworfen wird oder man auf Kollege XYZ warten muss: Etwas um sich die Zeit zu vertreiben ist toll!
Persönlicher Bedarf, der zwar nicht “A” ist, aber vermisst werden würde.

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Beispiel - mein Rucksack
Ich nutze für meinen Kit einen Rucksack der slov. Firma 365+ / http://www.365-plus.com/ mit abklappbaren Frontlatz und PALS Schlaufen, die Addierung von Taschen erlauben. Inhalt ist wie folgt:
Erste Hilfe Tasche, wasserdicht, mit 1,5m Wundschnellverband, Pflasterstrips in 3 Grössen, Fingerkuppen und Gelenkpflaster, Blasenpflaster, Wundauflagen, Aeskulap Pinzette, Octanisept, 8 Beutel Elotrans, Magnesiumtabletten, Fenistil Gel, Bepanthen antiseptisch, 150ml Mundspülung, Kamistad Gel, Ibuprofen400 8x, Paracetamol 500 8x, ImmodiumAkut 10x, Cetirizin 12x, Isla Cassis 16x, DoloDobendan 8x, Waterjel Brandwundenverband, Nasenspülset 500ml, Rettungsdecke

Bleeder Kit, bestehend aus 2x Israeli Bandage Wundverband 8×6”, SWAT Tourniquet Adpressband zum Blutungen abbinden und/oder Druckverband verstärken, Penrose Schlauch für kleine Tourniquets

Toolset aus Universalschere, Leatherman Wave Multitool, Nähzug, 30m Bankline, 10m Fallschirmschnur, 1x Öllicht, kleine Dose Vaseline, 100ml Ballistol, 5m Textilklebeand nach TL, BE-X Fieldcraft Messer, 2x Knicklicht 12 Stunden Grün und Rot
SilNylon Poncho oliv, 2 Müllsäcke grau, Silva Stirnlampe + Energizer Hardcase Taschenlampe, Powerbank, Solarladepanel, Rettungssack (orange, mit Fligersichtzeichenfunktion für Rettungsheli)
Ritter Sport Nougat, 2 Müsliriegel, “Tannebäume” (BW Ohrenstöppsel), UNO Spiel für die großen wie kleinen Kinder, Trinkschokolade, 500ml Titantasse mit UL Kocher und 100ml Spiritus, Feuchttücher von Sagrotan.
Dazu ein Buch und ein MP3 Player mit Hörbüchern (aktuell “Die Wilden Götter”). Das brauche ich zugegebenermaßen selten.

Der eine oder andere mag sich nun wieder denken “Wozu das ganze, habe ich nie gebraucht/vermisst!”. Sicher, das mag sein. Dazu eine Aekdote aus diesem Jahr: Eine gute Freundin hat diese Vorbereitungen auch immer eher belächelt, weil “wir sind ja nicht in der Wildnis”. Dann kam der Abend, an dem sich Ihr Mann, in einer Datscha im cz. Wald, eine Arterie beim Kamin anschüren durchtrennt hat, die Blutpfütze am Boden gute 45cm Durchmesser und sein Blutstrahl einen halben Meter Reichweite hatte! Es folgten abbinden, Druckverband und Wundversorgung, dann Transit nach DE und weitere Versorgung. Jetzt haben beide einen eigenen Bleeder Kit - den sie, so es die Götter die es geben mag wollen, nie mehr brauchen werden. Aber wenn, dann haben sie ihn dabei!
Davon losgelöst - es ist ja nur eine Empfehlung, keine Anweisung ;)

Willkommen

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Das Leben der Wikinger, aufgerollt aus der Sicht eines nörgelnden Waldläufers und Pragmatikers!

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Ansonsten wünsche ich viel Spaß auf der Seite!

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