Dienstag, September 13, 2016

Mittelaltermärkte…

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“RenFairs - whats happening or to put it into other words, who needs it?”
- Bob Hope

Gut, zugegeben, eventuell trügt mich meine Erinnerung und der gute alte Bob Hope hat nicht über RenFairs (Renaissance Fairs, den US Pendant des Mittelaltermarktes) gesprochen (sondern über Vietnam), aber wie sagte schon Chaucer: “Ein Künstler gibt der Wahrheit Raum!”. Fakt ist, ich möchte heute über “Middelaldamärkte” schreiben. Das wird ein sehr subjektiver Artikel und ich bitte etwaige Befindlichkeiten zu entschuldigen.

Wer hätte es gedacht, meine “Karriere” nahm ihren Anfang auf - Mittelaltermärkten. Und zwar in grauenhafter, wirklich grauenhafter Klamotte! Also wirklich schlecht. Nicht “ambientig aber unauthentisch”, sondern schlecht! Und ich kann drüber lachen! Meine Klamotte war nicht nur schlecht, sie kam auch mit einer gewissen Grandezza meinerseits daher, worüber ich heute weniger lachen kann. Ich war ein ziemlich beratungsresistenter Depp! So! Das mal zum Eingang!

Das Interesse wuchs, die Klamotte wurde besser, auf öffentliche Märkte folgten interne Lager und Museeumsevents. Irgendwann postulierte ein Mit-Hobbyist seinen Standpunkt mal so: “Ich habe einen Stand erreicht, wo ich es mir erlauben kann auf andere herab zu blicken!”. Seriosly? Also… Echt jetzt?
Das war so der erste Punkt, wo mir der Spass verging, nicht etwa weil ich gemeint war, nein weil er mich zu eben jener Garde zählte, die doch auf andere herab zu blicken hat - und ich mich zurück auf ambientige “Pille Palle Märkte” mit Männer mit Bärten am Lagerfeuer wünschte. Das letzte museale Projekt das ich als Darsteller und Lagernder besuchte endete in einer derartigen Schlammschlacht aller Beteiligten, dass ich mir eine Auszeit von der “Szene” gönnte. In der Zeit entdeckte ich ein altes Hobby wieder. Waldhandwerk / Outdoor mit minimalen Mitteln, neu-denglish auch Bushcraft Aber irgendwie flammte auch wieder das Interesse auf, das im Kontext Mittelalter zu nutzen. Und so ging es 2012-2014 wieder los mit “Middelalter”, zuerst alleine, dann wieder mit der Family. Dem geschuldet nur in der unmittelbaren Nähe. Da Wiki/FMA Events hier rar sind, eben auch auf Multiperiod-Events mit vager Darstellungsvorgabe aka “Mittelaltermärkte”. Die Events an sich sind komplett a-historisch, warum befasse ich mich dennoch damit? Will ich gerne erklären…

In der Zeit, in der ich anderen Hobbys fröhnte, lernte ich viele neue Fertigkeiten für Wikinger:
Ich lernte nur mittel Stahl, Stein und Charcloth ein Feuer mit Birkenrinde machen , ich konnte ein Nachtlager in 40cm Schnee bei -17°C einrichten, ich lernte das Ernten von Kienspan, ein Schaf zu zerlegen, ein Reh zu häuten, musste eine Holzkraxe bauen und Birkenwasser ernten, konnte Trockenfleisch herstellen und zubereiten , einen Fischspeer bauen, Wundverband aus Torfmoos fertigen und Beeren und Pilze ernten
Und keines dieser Erlebnisse war auf einem auch nur annähernd mittelalterlichen Event. Und keines davon würde ich je auf einem MA Event brauchen oder ernsthaft nutzen können. Aber eigentlich würde ich das, wenigstens ansatzweise gerne vermitteln. Und das mache ich nun auch…

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Je nach dem wen man in der Szene frägt, sind Märkte entweder
- generell böses Teufelswerk das die Menschheit schlimmer verblödet als RTL Eigenproduktionen
- voll geil chillig
- schon OK, wenn der Veranstalter kein Abzocker ist / der Markt gut ist!

Blenden wir mal die ersten 2 Ansichten aus und fragen uns, was macht einen guten Markt aus? Qualität der Darsteller? Die Lage? Eintrittspreise? Und aus wessen Sicht - Besucher, Darsteller oder Veranstalter?
Die Sichtweise des Veranstalters wird variieren, sei es nun voll kommerzieller Broterwerb, wie die berühmt-berüchtigten Hiller Märkte oder Szeneevents von Aktiven für Aktiven.

Für mich als Darsteller ist ein Markt dann gut, wenn
- die Orga weiß was sie tut und sich um die Lager kümmert, Feuerholz und Wasser in vernünftiger Qualität vorhanden ist
- der Platz ein vernünftiges Lagern erlaubt, ohne allen Element 24/7 ausgesetzt zu sein
- die anderen Lagergruppen entspannt sind und trotz Feierlaune auch wissen, was Rücksicht ist
- ich über den Marktteil schlendern kann und neben “gar herrlich Knabberey” auch Handwerksware und anderes für die Darstellung finden kann

Was (für mich) ein schlechter Markt ist, kann sich nun jeder selbst aus der Aussageumkehr ziehen. Gibt dann noch ein paar so Luxuswehwehchen, so reagiere ich allergisch auf übermäßig lustige Herolde, kann die drölfzigste Version von “Herr Mannelig”, dem Gladiator Theme und dem Braveheart Soundboard nimmer hören und bitte, bitte: Wenn ihr Dudelsack spielen wollt, fangt nicht mit Amazing Grace das Üben an - oder wenigstens nicht auf Lager!

Der aufmerksame Leser wird schon festgestellt haben, die Schlagworte “quellennah, Darstellung, Handnaht, pflanzengefärbt” finden sich nicht in meiner Checkliste. Das hat zwei Gründe. Zum einen freue ich mich zwar jederzeit, auch zeitenübergreifend, mit anderen über ihre Darstellungen zu schwatzen, aber ich habe keinerlei Drang zur Missionsarbeit, noch stört es mich mittlerweile. Wenn ich einen Steckstuhl ausserhalb meines Lagers sehe, lächle ich nur innerlich über die Platzverschwendung und streichle liebevoll meine Bank, auf der bei gleichem Platzverbrauch 3 Mann Platz haben. Und der zweite Punkt ist, dass diese Schlagworte, mit Ausnahme der Quellennähe, für mich keine gesteigerte Priorität haben. Ja, ich weiss, er hat Jehova gesagt! Ich habe meine Prioritäten woanders gelagert, warum sollte ich ergo bei anderen Maßstäbe anlegen, die mir auch nicht so wichtig sind? Und was bringt es mir, mich zu ereifern? Nix! Biestig werde ich erst, wenn es mit Grandezza als “Dös woar hald ersoo” präsentiert wird…

Jetzt kommen wir aber zum Besucher, was macht einen Event gut für den Besucher? Ich war 4 Jahre lang zivil gekleideter Besucher, mit Frau und Kindern und ich muss leider sagen, weder Katharina noch Alexander haben am Montag ihrer Lehrerin freudestrahlend von der tollen Handnaht auf handgesponnener Wolle erzählt, wohl aber von dem Tischler im Piratenhemd und Carbonne Hose, der ihnen geduldigst erklärt hat wie alt ein Hobel ist - und bei dem sie ein Essbrettchen machen durften. Oder von der Weberin im Hippie Look, die ihnen von der Schafschur bis zur Naalbindingmütze erklärt hat, wie die Wolle verarbeitet wurde. Und ich kann versichern, sie nahmen nicht mit nach Hause, dass im Mittelalter alle Piratenhemd und Hippie Kleid trugen - sondern dass Tischler ein aufwendiger und wichtiger Beruf war, dass Kleidung herstellen harte Arbeit war - und damit auch noch gleich ein neues Verständnis zur Wertigkeit von Handwerk.

Ein guter Markt ist, wo der Besucher sich an die Hand genommen fühlt, etwas erlebt, etwas ausprobieren kann, die Kinder was zu erzählen haben und wo sie didaktisch da abgeholt werden, wo sie stehen!
Wo “Oppa” zufrieden lächeln kann, weil der “dem Wiki gezeigt hat, wie das mit dem Messer schleifen geht”, Junior gezeigt wurde, wie er mit einem Trick selbst Papa das Schild aus der Hand dreht ohne dass der absichtlich loslassen muss - und Mama grinsen konnte, als sie vom Scheidungsrecht der Wikinger hörte. Um danach eine Steaksemmel, ein Bier und ein Eis zu kaufen.
Wo auf “Guck mal, der poliert sein Schwert” nicht “Ja, und bloss die Finger weg, sonst dürfen sie selbst polieren”, sondern “Willst es mal in die Hand nehmen und ausprobieren?” folgt. Wo auf “Schmeckt das denn” keine schnippische Bemerkung, sondern eine Kostprobe kommt (was natürlich nur zieht, wenn es keine Kartoffelsuppe mit Paprikadebrezinern ist) und das Lagerschild mit “Nur herein!” statt Verboten beginnt!

Ein schlechter Markt ist, imho, wo die Family einmal durchgeschleust wird, Sohnemann einmal für ein Bild ein Schwert in die Hand nehmen muss und Papa sich an den Bierstand flüchtet, weil es sonst nix gibt - weil sich die Lager hinter Absperrungen einigeln, damit der böse Tourie nicht zu nahe kommt (obwohl der, ob der wahlweise gelangweilten, desinteressierten oder gereizten Mienen der Lagerinsassen, dazu eh keine Lust gehabt hätte). Auch wenn Lernen Wiederholung ist, der 10te Waffenständer mit dem 20ten Tschechechenschwert, der zwölfte Brillenhelm oder das hundertste Kettenhemd reißt einen Besucher nimmer vom Hocker, wenn keine Interaktion geboten wird. Und das ist ein Problem, das von der Qualität des gezeigten unabhängig ist. Auch der 13te Tanzer Plattenharnisch in Museeumsqualität wird für Junior zum Gähnobjekt, wenn er ihn nur angucken darf! Und das ist imho das Krux, mit dem jede Veranstaltung steht und fällt, wenngleich ich weiß, dass das nur meine begrenzten Erfahrungen sind!

Warum gehe/fahre ich auf Märkte? Weil sie in meiner Reichweite liegen, die Orga auf den Märkten auf die ich fahre wirklich einen super Job macht (Sulzbürg und Leimershof, ihr seid gemeint!) und ich die Erfahrung gemacht habe, dass wider erwarten die “Qualität der Besucher” unabhängig davon ist, ob Spectaculum oder Museum! Meinem Ziel, Wissen zu vermitteln, kann ich ergo auf dem “Pille-Palle” Markt ebenso nachgehen wie im Museeum - ich muss nur evt damit rechnen, dass neben mir ein zünftiger Ritterhaufen mit 500 Jahren Sachkultur in trauter Eintracht aufschlägt! Habe ich(!) kein Problem mit, sind meist nette, pfundige Leute! Und tatsächlich ist es mir(!) wichtiger, mit meinen Lagernachbarn menschlich gut auszukommen, als dass sie den selben Anspruch an das Hobby haben wie ich. Mag sein, dass das viele anders sehen, so ist das aber meine Einstellung.

Ein weiterer Faktor sind, tatsächlich, die lokalen Handwerker. Ich habe auf Mittelaltermärkten schon mehrere regionale Handwerker kennen gelernt, die tolle Sachen machen, mit denen man super arbeiten können - die aber nie in ein Museeum kommen werden. Sei es wegen der Entfernung oder schlicht weil Ihr Interesse das Handwerk ist - und sie keinen Bock haben sich eine explizite Darstellung zuzulegen! Auch diese Handwerker möchte ich nicht missen.

Ein Lobgesang auf den Middelalda Markt? Nein, definitiv nicht, es gibt vieles was mich stört. Die imho unnötigen Lagerabsperrungen, die Besucher abschrecken, die Unart den Besucher abwertend-geringschätzend als “Tourie” zu betiteln (Leute, der Besucher finanziert eure ambientige Lagerwiese und die Dudelsackpfeifer für die Stimmungsmucke beim Schildwall…) und der Unwillen von vielen Gruppen von sich auf Besucher zuzugehen. Aber leider habe ich auch dieses Verhalten auf hochwertigen Events erleben dürfen!

Ein Mittelaltermarkt war nie und wird nie ein Höhepunkt historischer Wissensvermittlung sein - aber sich drüber beschweren, dass da nur Hollywoodmiddelalda gezeigt wird und sich im gleichen Atemzug von einer Mitarbeit distanzieren ist ein Oxymoron an sich. Ein Markt, ist, wie jeder andere Event, eine Schauevent für Besucher. Ohne Schau, ohne Event ist jeder Markt, jedes Musseumsfest und jede Wiesengaudi das selbe: Öde für den Besucher. Ich persönlich würde mich freuen, wenn der Trend wieder weiter hin zu Interaktion und offenen Lagern geht - wenn dann auch noch die Didaktik stimmt, kann man mal anfangen von der Handnaht zu reden!

Willkommen

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Das Leben der Wikinger, aufgerollt aus der Sicht eines nörgelnden Waldläufers und Pragmatikers!

Wenn ihr mehr über den Autor wissen möchtet, klickt einfach hier für weitere Infos!

Ansonsten wünsche ich viel Spaß auf der Seite!

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